Weltneuheit in Zuoz: Unsere Gegenpendelanlage rettet den Kirchturm
Über 20 Jahre lang durften die vier Glocken der reformierten Kirche San Luzi in Zuoz nicht gemeinsam läuten, denn die Schwingungen gefährdeten den mittelalterlichen Turm. Unsere neuartige Gegenpendelanlage löst das Problem, ohne den Glockenklang zu verändern.
Die reformierte Kirche San Luzi in Zuoz mit ihrem rund 60 Meter hohen Turm aus dem Jahr 1139
Wenn Kirchenglocken schwingen, erzeugen sie enorme Kräfte, die sich auf den Turm übertragen. In den meisten Fällen ist das kein Problem. Doch beim rund 60 Meter hohen Kirchturm der reformierten Kirche San Luzi in Zuoz, erbaut um 1139 aus Bruchsteinmauerwerk auf nur 5 × 5 Metern Grundfläche, wurde genau das zum Problem.
In seinem Innern schwingen ober- und unterhalb der Turmuhr vier Glocken mit Einzelmassen von bis zu 1100 kg. Das Vollgeläut führte zu Schwingungen von rund 6.5 mm an der Turmspitze. Die Schwinggeschwindigkeiten überschritten die Grenzwerte der DIN 4178 für historische Türme deutlich. Die Folge: Seit über 20 Jahren durften die Glocken nicht mehr gemeinsam läuten, um die historische Bausubstanz zu schützen.
| Glocke | Gewicht | Ton | Durchmesser |
|---|---|---|---|
| 1 | 1100 kg | d1 | 1230 mm |
| 2 | 648 kg | fis-ges1 | 1035 mm |
| 3 | 460 kg | a1 | 925 mm |
| 4 | 250 kg | h1 | 730 mm |
| Total | 2458 kg | – | – |
Die Herausforderung
Gemeinderat Christian Ferrari suchte nach einer Lösung, die sowohl den denkmalgeschützten Turm schützt als auch das traditionelle Vollgeläut wieder ermöglicht. In Zusammenarbeit mit der ZC Ziegler Consultants AG als baubegleitendem Ingenieur wurde das Projekt aufgegleist. Das Grundprinzip war bekannt: Gegengewichte, die sich entgegengesetzt zu den Glocken bewegen, können die auf den Turm wirkenden Kräfte neutralisieren. Doch herkömmliche Gegenpendelanlagen haben einen entscheidenden Nachteil: Sie bremsen die Glocken ab und verändern dadurch den charakteristischen Klang.
Unsere Lösung: Die entkoppelte Gegenpendelanlage
Genau hier setzt unsere Innovation an. Wir haben ein System entwickelt, das die Bewegung der Gegengewichte unabhängig von den Glocken steuert. Die Gegengewichte werden über separate, präzise geregelte Antriebe bewegt und erzeugen exakt die gegensätzlichen Kräfte, die den Turm stabilisieren, ohne die Glocken selbst in ihrem Schwingverhalten zu beeinflussen.
Das Herzstück bildet unser patentiertes LM5 Motor-Sensor-System, das jeden Glockenschlag in Echtzeit erfasst und die Gegengewichte synchron gegensteuert. Die Motor-Sensor-Regelung nutzt den Elektromotor gleichzeitig als Sensor und ermöglicht so eine Regelgenauigkeit, die mit herkömmlicher Technik nicht erreichbar wäre.
Die beiden installierten Gegenpendel
Warum das eine Weltneuheit ist
Bisherige Gegenpendelanlagen waren stets mechanisch an die Glocken gekoppelt. Die Entkopplung von Glocke und Gegengewicht bei gleichzeitiger präziser Synchronisation ist weltweit einzigartig. Erst die Kombination aus intelligenter Sensorik, Echtzeitregelung und unserer über 100-jährigen Erfahrung in der Glockentechnik hat diese Lösung möglich gemacht.
Zusätzlich zur Gegenpendelanlage haben wir den Glockenstuhl angepasst und die Klöppel durch neue, sanfte Ankerklöppel ersetzt, um das Gesamtsystem optimal abzustimmen.
Ansicht von oben
Das Ergebnis
Seit der Inbetriebnahme läuten alle vier Glocken der Kirche San Luzi wieder gemeinsam, erstmals seit über zwei Jahrzehnten. Die Reduktion der Turmschwingungen (Auslenkung in mm) ist messtechnisch belegt:
| Messpunkt | Ohne Gegenpendelanlage | Mit Gegenpendelanlage |
|---|---|---|
| Turmspitze | 6.5 mm | 2.3 mm |
| Höhe der Glocken | 4.0 mm | 1.6 mm |
Die Turmschwingungen konnten damit um rund 60 % reduziert werden. Der Klang ist dabei vollständig erhalten geblieben. Gemeinderat Ferrari bringt es auf den Punkt:
Es tönt feiner, hat aber einen sehr schönen Klang.
Die Gemeinde könnte sogar eine fünfte Glocke aufhängen, wenn sich ein Stifter finden würde. So viel Reserve bietet das neue System.
Weiterführende Informationen
- Fachbericht der ZC Ziegler Consultants AG
- SRF-Beitrag: Technische Innovation rettet den Kirchturm von Zuoz
Thomas Muff hält am 26. Juni 2026 ein Referat an der ETH Zürich zu diesem Thema.