Empa-Symposium 2026: Wie die Zuozer wieder zu ihrem Kulturläuten fanden
Thomas Muff stellte am Symposium 2026 für Bauwerksdynamik und Erschütterungsmessung an der Empa Dübendorf die elektronisch synchronisierte Gegenpendelanlage der Kirche San Luzi in Zuoz vor.
Thomas Muff stellte die Gegenpendelanlage der Kirche San Luzi in Zuoz an der Empa Dübendorf vor.
Am 26. Juni 2026 stellte Thomas Muff am Symposium für Bauwerksdynamik und Erschütterungsmessung an der Empa Dübendorf das Projekt der Kirche San Luzi in Zuoz vor. Im Zentrum stand eine Frage, die Baudynamik, Denkmalpflege und Glockentechnik gleichermassen betrifft: Wie lässt sich ein historischer, schwingungsanfälliger Kirchturm schützen, ohne das traditionelle Klangbild zu verlieren?
Die Antwort aus Zuoz ist eine elektronisch synchronisierte Gegenpendelanlage. Sie reduziert die dynamischen Horizontalkräfte aus dem Glockengeläut, ohne die Glocken mechanisch an ein Gegengewicht zu koppeln. Die Glocken geben den Takt vor, die Gegenpendel folgen elektronisch in Echtzeit.
Baudynamik trifft Glockentechnik
Der rund 60 Meter hohe Kirchturm von San Luzi steht auf einer Grundfläche von nur etwa 5 × 5 Metern. Vier Glocken mit Einzelgewichten bis zu 1100 kg regen den historischen Turm beim Läuten zu Schwingungen an. Die Messungen zeigten, dass sich der Turm nicht wie ein einfaches lineares Schwingungssystem verhält: Je nach Belastung und Schwingungsamplitude verschiebt sich seine Eigenfrequenz.
Gerade diese nichtlineare Reaktion machte das Projekt anspruchsvoll. Eine reine Anpassung der Schlagzahlen hätte das Problem nicht nachhaltig gelöst. Auch bauliche Verstärkungen wären technisch aufwendig und aus denkmalpflegerischer Sicht heikel gewesen.
Die Lösung kombiniert deshalb drei Disziplinen:
- detaillierte dynamische Messungen am Turm
- eine elektronisch geregelte Gegenpendelanlage für die grossen Glocken
- neu entwickelte Ankerklöppel für eine schonende, klanglich stimmige Läutdynamik
Elektronisch synchronisierte Gegenpendel kompensieren die Horizontalkräfte aus dem Glockengeläut.
Ursprünglicher Klang, tiefere Belastung
Mit der Gegenpendelanlage werden die von den Glocken erzeugten Horizontalkräfte durch gegenphasig bewegte Pendelmassen kompensiert. Weil die Pendel elektronisch nachgeführt werden, bleibt die Läutbewegung der Glocken mechanisch entkoppelt. So konnte das traditionelle Engadiner Kulturläuten mit den ursprünglichen Schlagzahlen wiederhergestellt werden.
Parallel dazu wurden neue Ankerklöppel eingesetzt. Sie schonen die historischen Glocken und reduzieren die Schallabstrahlung um rund 12 dB(A), während der Klangcharakter des Geläuts erhalten bleibt.
Die wichtigsten Ergebnisse des Projekts:
- deutliche Reduktion der auf den Turm wirkenden dynamischen Horizontalkräfte
- Nachweis der strukturellen Sicherheit durch Messungen und Finite-Elemente-Berechnungen
- Wiederherstellung des traditionellen Engadiner Kulturläutens
- Schonung der historischen Glocken und der Turmstruktur
- positive Rückmeldungen aus Kirchgemeinde und Bevölkerung
Neue Perspektiven für historische Türme
Das Fachreferat an der Empa zeigte, wie moderne Regelungstechnik, Baudynamik und traditionelle Glockentechnik zusammenwirken können. Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Anlage in Zuoz die erste elektronisch synchronisierte Gegenpendelanlage in einem historischen Glockenturm weltweit.
Zuoz ist damit mehr als ein erfolgreiches Sanierungsprojekt: Es zeigt, wie schwingungsanfällige Kulturdenkmäler erhalten werden können, ohne ihre akustische Identität aufzugeben.